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SW-N-TV besuchte den ehemaligen Gutshof am Tag des offenen Denkmals – wo jahrelang der Verfall drohte, entsteht mit viel Engagement neues Leben rund um ein außergewöhnliches Werk Balthasar Neumanns
Öttershausen/Gaibach. Noch vor wenigen Jahren war der Gutshof Öttershausen für viele schlicht ein geheimnisvoller Lost Place. Verlassen, vom Verfall bedroht und für Besucher kaum zugänglich. Wer heute nach Öttershausen kommt, erlebt einen Ort im Wandel – und offenbar wollen sehr viele Menschen sehen, wie diese Verwandlung gelingt.
Auch SW-N-TV machte sich am Tag des offenen Denkmals 2026 auf den Weg zum Gutshof Öttershausen. Und wir waren bei Weitem nicht die Einzigen.
Der Andrang war beeindruckend. Immer wieder kamen neue Besucher, um einen Blick hinter die Mauern des ehemaligen Gutshofes zu werfen. Wo früher der Charakter eines verlassenen Ortes dominierte, wird inzwischen gesichert, geforscht, gebaut – und an einer neuen Zukunft gearbeitet.
Ein Lost Place, in den wieder Leben einzieht
Gerade dieser Gegensatz macht Öttershausen so spannend. Man sieht dem Gebäude seine Vergangenheit und die lange Zeit des Verfalls noch an. Gleichzeitig erkennt man inzwischen deutlich, dass hier etwas passiert.
Die Sicherungsarbeiten wurden 2025 begonnen. Beim diesjährigen Denkmaltag konnten Besucher bei Baustellenführungen einen Blick in die Innenräume und auf das teilweise bereits sanierte beziehungsweise notgesicherte Dachtragwerk des historischen Getreidespeichers werfen. Die Führungen wurden zwischen 11 und 17 Uhr im Halbstundentakt angeboten.
Und genau das wollten sich zahlreiche Menschen nicht entgehen lassen.
Für uns war besonders interessant zu beobachten, wie groß die Neugier auf einen Ort ist, der lange Zeit weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden war.
Hinter den alten Mauern steckt Balthasar Neumann
Öttershausen ist allerdings weit mehr als irgendein alter landwirtschaftlicher Gutshof.
Die Geschichte des erhaltenen Gebäudebestands reicht bis um 1600 zurück. Ab etwa 1740 wurde die Anlage von keinem Geringeren als dem berühmten Barockbaumeister Balthasar Neumann für Fürstbischof Friedrich Karl von Schönborn zum Getreidespeicher umgebaut. Die erhaltenen sogenannten Schüttbauten dienten der Lagerung von Getreide und gehörten zum wirtschaftlichen System der gräflich Schönbornschen Herrschaft Gaibach.
Bemerkenswert ist dabei, wie aufwendig ein eigentliches Nutzgebäude gestaltet wurde. Zu den Besonderheiten gehören ein gewölbtes Treppenhaus, massive Gewölbekonstruktionen und innovative Dachstühle. Heute gilt der Gutshof als Denkmal nationaler Bedeutung.
Beinahe wäre das Denkmal verschwunden
Dass wir heute überhaupt durch Öttershausen laufen und über seine Zukunft berichten können, war keineswegs selbstverständlich.
Nach Darstellung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz wurde erst Anfang der 2000er-Jahre durch bauhistorische Untersuchungen erkannt, dass der Speicher tatsächlich ein Werk Balthasar Neumanns ist. Für Teile der Anlage hatte zuvor bereits eine Abrissgenehmigung vorgelegen. Schließlich wurde vereinbart, dass die Neumann-Bauten erhalten bleiben.
Was heute als kulturhistorischer Schatz betrachtet wird, stand damit zeitweise tatsächlich kurz davor, verloren zu gehen.
Ein Verein nimmt sich des Lost Places an
Eine entscheidende Rolle spielt die Interessengemeinschaft Gutshof Öttershausen e.V. Der gemeinnützige Verein wurde 2021 gegründet und zählt nach eigenen Angaben derzeit 54 Mitglieder. Vorsitzender ist Reinhard Mast.
Die Mitglieder haben sich ein gewaltiges Ziel vorgenommen: den Gutshof denkmalgerecht instand zu setzen und dauerhaft mit Leben zu füllen.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, aus dem historischen Gebäude irgendeine moderne Veranstaltungshalle zu machen. Vielmehr soll die besondere Geschichte des Ortes erhalten und vermittelt werden.
Der Verein organisiert Führungen und Veranstaltungen, wirbt Fördermittel und Spenden ein und beteiligt sich auch mit eigenen Arbeitseinsätzen an ausgewählten Arbeiten.
Aus Öttershausen soll ein Balthasar-Neumann-Forum werden
Die langfristige Vision trägt einen Namen: Balthasar-Neumann-Forum.
Öttershausen soll zu einem Informations- und Kulturort werden, an dem Besucher mehr über Balthasar Neumann, seine Baukunst und seine Auftraggeber aus dem Hause Schönborn erfahren können. Gleichzeitig soll der Gutshof mit anderen Wirkungsstätten des berühmten Baumeisters vernetzt werden.
Damit könnte ausgerechnet ein ehemaliger Lost Place einmal zu einem Ausgangspunkt werden, von dem aus Besucher weitere Neumann-Bauten in Franken entdecken.
Das Konzept passt auch deshalb so gut, weil man hier nicht nur Bilder und Pläne eines historischen Baumeisters betrachten kann. Man steht mitten in einem seiner Bauwerke.
Erinnerungen an das alte Öttershausen
Der Tag des offenen Denkmals bot deshalb nicht nur Baustellenführungen.
Zeitzeugen berichteten bei „Erinnerungen an das alte Öttershausen“ darüber, wie der Gutshof und die Schüttbauten früher tatsächlich genutzt wurden. Alte Fotografien und persönliche Erinnerungen vermittelten einen Eindruck davon, wie Getreide in die Lagerräume gelangte und wie der Alltag auf dem Hof aussah.
Zum Abschluss erklangen sogar barocke Töne im alten Getreidespeicher: Ein Flötenensemble spielte Musik aus der Entstehungszeit des Gebäudes.
Damit bekam man an diesem Tag bereits einen kleinen Vorgeschmack darauf, was Öttershausen künftig sein könnte: Denkmal, Geschichtsort und Kulturstätte zugleich.
Für SW-N-TV ein beeindruckender Besuch
Uns hat bei unserem Besuch vor allem eines beeindruckt: wie viele Menschen gekommen waren.
Der vermeintlich vergessene Gutshof ist offenbar längst nicht mehr vergessen.
Menschen wollten durch die alten Räume gehen, die Konstruktion sehen, etwas über Balthasar Neumann erfahren und vor allem wissen, wie es mit Öttershausen weitergeht.
Und vielleicht liegt genau darin die besondere Geschichte dieses Ortes.
Ein Lost Place ist normalerweise ein Ort, den die Menschen verlassen haben und den sich langsam die Natur zurückholt. In Öttershausen passiert gerade das Gegenteil. Die Menschen kommen zurück.
Noch ist viel Arbeit zu leisten. Noch sieht man Baustelle, Sicherungen und die Spuren vieler Jahrzehnte. Aber genau das macht einen Besuch momentan vielleicht sogar besonders spannend.
Man sieht nicht einfach ein fertig restauriertes Denkmal.
Man kann dabei zuschauen, wie eines gerettet wird.
Und wenn der Andrang am Tag des offenen Denkmals ein Vorgeschmack darauf war, was hier einmal entstehen kann, dann dürfte der Gutshof Öttershausen seine Zeit als vergessener Lost Place endgültig hinter sich gelassen haben.
Weitere Informationen zum Projekt und zum Verein gibt es direkt beim Gutshof Öttershausen.

