KI Symbolbild
Früher erkannte man die Einfahrt in eine deutsche Gemeinde am Ortsschild. Heute erkennt man sie daran, dass hinter dem Ortsschild eine graue Säule steht, die aussieht wie eine Kreuzung aus Parkuhr, Überwachungskamera und schlecht gelauntem Staubsauger.
Der Blitzer.
Er steht da. Regungslos. Unbestechlich. Und er wartet.
Auf dich.
Wir waren an der Ostsee. Eigentlich eine harmlose Reise. Meer, Möwen, Fischbrötchen – so war der Plan. Doch dann war die Autobahn gesperrt, und wir mussten über Landstraßen fahren.
Eine Entscheidung, die mir tiefe Einblicke in die kommunale Finanzpolitik Deutschlands verschaffte.
Denn ich kann euch sagen: Ich habe in meinem Leben noch nie so viele Blitzsäulen gesehen.
Sie wachsen inzwischen offenbar aus dem Boden wie Giftpilze nach einem warmen Sommerregen. Hinter Ortsschildern. Vor Ortsschildern. An Kreuzungen. Hinter Büschen. Neben Büschen. Und vermutlich demnächst auch in Büschen.
Natürlich ausschließlich zur Verkehrssicherheit.
Was denn sonst?
Besonders faszinierend wird es dort, wo der ortsunkundige Autofahrer ins Spiel kommt. Der Einheimische weiß schließlich: „Achtung, hinter dem dritten Gartenzaun bei Erna steht der Blitzer.“
Der Auswärtige dagegen sieht: 70 – 50 – Ortsschild – 30 – Baum – BLITZ!
Willkommen in unserer Gemeinde!
Andere Orte verteilen Begrüßungsbroschüren. Hier gibt es ein Erinnerungsfoto.
Kostenpflichtig.
Man könnte fast meinen, manche Verkehrsführungen seien nicht von Straßenplanern entworfen worden, sondern gemeinsam mit dem örtlichen Kämmerer:
„Wo könnten wir die Säule hinstellen, Klaus?“
„Da vorne wäre es besonders sicher.“
„Sicher?“
„Nein. Ergiebig.“
Natürlich ist das eine böse Unterstellung. Blitzer dienen der Verkehrssicherheit, und Geschwindigkeitskontrollen sind gerade an gefährlichen Stellen sinnvoll. Nur beschleicht einen unterwegs manchmal das Gefühl, dass zwischen Verkehrserziehung und Ertragserwartung eine bemerkenswert innige Freundschaft entstanden ist.
Und dann kamen wir nach Göttingen.
Göttingen hat bei mir bleibenden Eindruck hinterlassen. Nicht wegen der Universität. Nicht wegen Gauß. Nicht wegen der Altstadt.
Wegen der Blitzer.
Ich hatte zeitweise das Gefühl, wir seien nicht durch eine niedersächsische Universitätsstadt gefahren, sondern durch das Freilichtmuseum für automatisierte Verkehrsüberwachung.
Und nun kommt der Moment, an dem aus Satire plötzlich Haushaltskunde wird.
Die Stadt Göttingen nahm 2024 nach Angaben der Verwaltung rund 2,15 Millionen Euro durch Blitzer ein – etwa 60 Prozent mehr als im Vorjahr. Beim Landkreis Göttingen waren es sogar rund 12,7 Millionen Euro.
Zwölf Komma sieben Millionen.
Da bekommt der Begriff „fließender Verkehr“ plötzlich eine völlig neue Bedeutung.
Das Geld fließt.
Besonders hübsch ist eine Zahl aus dem Göttinger Haushaltssicherungskonzept: Für eine geplante dauerhafte Geschwindigkeitsmessanlage an der A7 werden ab 2027 bis zu 1,5 Millionen Euro zusätzliche Erträge pro Jahr in Aussicht gestellt. Begründet wird die Anlage mit dem Unfallgeschehen und dem Ziel „Vision Zero“.
Verkehrssicherheit trifft Einnahmeplanung.
Das ist ungefähr so, als würde die Feuerwehr im Haushaltsplan schon einmal kalkulieren, wie viele Häuser nächstes Jahr brennen.
Fairerweise muss man hinzufügen: Göttingen kann Geld tatsächlich gebrauchen. Die Stadt bezifferte ihr Defizit für 2024 zwischenzeitlich auf rund 88 Millionen Euro.
Da schaut ein Kämmerer auf eine Blitzsäule vermutlich anders als wir Autofahrer.
Wir sehen:
„Mist.“
Er sieht:
„Da geht noch was.“
Und Göttingen denkt sogar weiter. Für die Innenstadt wurde ein Modellprojekt entwickelt, bei dem unerlaubte Einfahrten in die Fußgängerzone automatisch erfasst werden sollen. Vorgesehen waren zwölf Standorte, die sämtliche Einfahrtswege abdecken.
Zwölf!
Früher hatte eine mittelalterliche Stadt zwölf Stadttore.
Heute hat sie zwölf Blitzer.
Fortschritt muss man auch einmal anerkennen.
Natürlich soll niemand rasen. Wer mit 90 durch eine Tempo-50-Zone brettert, darf gern Bekanntschaft mit Bußgeldstelle und Punktesystem machen. Und vor Schulen, Kindergärten, unübersichtlichen Kreuzungen und echten Unfallschwerpunkten können Kontrollen Leben retten.
Aber genau deshalb nervt das andere so sehr: diese Stellen, bei denen selbst der gesetzestreue Autofahrer plötzlich das Gefühl bekommt, an einer kommunalen Mausefalle vorbeizurollen.
Tempo 70.
Tempo 50.
Tempo 30.
„Huch, warum jetzt 30?“
BLITZ!
Darum.
Der klassische Wegzoll hatte wenigstens etwas Ehrliches. Früher saß der Fürst an der Brücke und sagte: „Wer hier durchwill, zahlt.“
Heute sagt die Blitzsäule gar nichts.
Sie macht nur ein Foto.
Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, von Blitzern zu sprechen. Das klingt so technisch und unpersönlich.
Nennen wir sie doch kommunale Geldautomaten mit Kamera.
Oder Straßenzoll 2.0.
Der große Vorteil gegenüber der mittelalterlichen Variante: Man muss nicht einmal anhalten.
Und so rollten wir weiter Richtung Ostsee. Sehr aufmerksam. Sehr langsam. Mit einem Auge auf der Straße, einem auf den Schildern und einem imaginären dritten Auge hinter jedem Busch.
Irgendwann erreicht man dann tatsächlich das Meer.
Man steigt aus.
Man hört die Möwen.
Man riecht die salzige Luft.
Und plötzlich dieses herrliche Gefühl:
Hier kann mich keiner blitzen.
Noch nicht.
Wobei – wenn irgendein Kämmerer diesen Text liest, steht vermutlich nächsten Sommer am Strand:
Tempo 5 – Strandkorbzone.
Und dahinter eine graue Säule.
Willkommen an der Ostsee.
Bitte lächeln.
Sandra Grätsch
Auch wir arbeiten mit KI

