Satirische Glosse von Sandra
Der August ist schon ein seltsamer Monat. Ganz Deutschland scheint im Urlaub zu sein. Die einen liegen am Gardasee, die anderen auf Mallorca und die ganz Sparsamen im heimischen Planschbecken. Nur ich laufe durch Schweinfurt. Irgendjemand muss schließlich nachsehen, ob die Stadt noch da ist.
Sie ist noch da.
Zumindest größtenteils.
Ich habe die ruhigen Tage genutzt und unsere Internetseite komplett umgebaut. So etwas macht man, wenn sonst nicht viel passiert. Also schaut ruhig mal vorbei und schreibt mir, was euch gefällt oder was ich besser machen könnte. Kritik ist ausdrücklich erlaubt. Noch. Man weiß ja heutzutage nie…
Anschließend bin ich durch die Innenstadt gelaufen. Es war kurz nach elf Uhr. Eigentlich eine Uhrzeit, zu der man früher gemütlich bummeln konnte. Heute gleicht ein Spaziergang durch die Fußgängerzone eher einer Prüfung für die Reaktionsfähigkeit.
Von links schießt ein E-Scooter vorbei, rechts zischt ein Fahrrad, hinter einem summt schon der nächste Elektroroller heran. Man kommt sich vor wie beim Computerspiel. Nur dass man leider nur ein Leben hat.
Ich weiß, jetzt denken viele: „Ach herrje, jetzt schimpft die Alte wieder.“
Ja, vielleicht.
Aber ganz ehrlich: Wer einmal versucht hat, mit etwas langsameren Schritten durch die Innenstadt zu laufen, der weiß, wovon ich rede. Man erschrickt inzwischen öfter vor einem Fahrrad als früher vor einem Auto.
Und dann frage ich mich: Warum braucht eigentlich ein E-Scooter ein Versicherungskennzeichen, ein Fahrrad aber nicht? Beide können jemanden umfahren. Beide fahren teilweise schneller, als ihnen guttut. Nur wenn der Radfahrer verschwindet, heißt es hinterher: „War halt Pech.“
Das soll einer verstehen.
Wahrscheinlich bin ich tatsächlich alt geworden.
Oder sagen wir es anders: Ich gehöre zu einer Generation, die noch gelernt hat, dass Rücksicht keine Schwäche ist.
Das wurde mir jedenfalls so beigebracht.
Vielleicht bin ich deshalb auch überempfindlich geworden, als ich neulich dieses Wohnmobil gesehen habe. Nein, eigentlich habe ich nicht das Wohnmobil gesehen. Ich habe den Gehweg nicht mehr gesehen. Der war nämlich unter dem Wohnmobil verschwunden.
Da stand dieses rollende Einfamilienhaus halb auf dem Bürgersteig, als hätte der Fahrer gedacht: „Ach, der Gehweg wird ohnehin überbewertet.“
Kinderwagen? Rollator? Rollstuhl?
Sollen sie doch sehen, wie sie vorbeikommen.
Als ich darüber den Kopf schüttelte, kam natürlich sofort der Standardsatz unserer Zeit:
„Was geht Sie das an?“
Eine wunderbare Frage.
Eigentlich ist sie der Generalschlüssel für alles geworden.
Der Nachbar stellt seinen Anhänger monatelang auf denselben Parkplatz?
Was geht Sie das an?
Jemand blockiert den Gehweg?
Was geht Sie das an?
Einer parkt quer über zwei Stellplätze?
Was geht Sie das an?
Irgendwann kommt wahrscheinlich einer auf die Idee, sein Wohnmobil mitten im Kreisverkehr abzustellen. Und wenn man etwas sagt, heißt es wieder: „Ich zahle schließlich Versicherung.“
Ja schön.
Ich zahle auch Krankenversicherung. Trotzdem darf ich nicht im Wartezimmer grillen.
Versicherung bedeutet nämlich nicht, dass plötzlich alle Verkehrsregeln außer Kraft gesetzt sind.
Aber manchmal habe ich den Eindruck, genau das glauben einige.
Und dann wundern sie sich, wenn jemand den Mund aufmacht.
Ich weiß schon, jetzt rollen wieder einige mit den Augen.
„Die Alte regt sich schon wieder auf.“
Nein.
Ich rege mich gar nicht auf.
Ich beobachte nur.
Und ich stelle fest, dass Rücksicht irgendwie aus der Mode gekommen ist.
Früher war auch nicht alles besser. Um Gottes willen.
Früher gab es genügend Dinge, die heute zum Glück vorbei sind.
Aber eines war irgendwie selbstverständlich: Man hat versucht, den anderen nicht unnötig im Weg zu stehen.
Man brauchte dafür keine Verordnung.
Keine App.
Kein Online-Seminar.
Man wusste einfach: Das macht man nicht.
Ich bin auf dem Dorf groß geworden.
Wir haben das ganze Jahr über kaum einen Polizisten gesehen.
Nicht weil es keine Polizei gab.
Sondern weil die meisten wussten, wie man sich benimmt.
Das haben einem die Eltern beigebracht.
Heute scheint manches erst verboten zu sein, wenn irgendwo ein Schild steht.
Und selbst dann wird erst einmal diskutiert.
Manchmal frage ich mich, ob wir uns nicht selbst das Leben schwer machen.
Jeder fordert Respekt.
Jeder verlangt Toleranz.
Aber wehe, man soll selbst einmal Rücksicht nehmen.
Dann heißt es sofort: „Das geht dich nichts an.“
Doch.
Ein bisschen geht es uns alle etwas an.
Denn wir leben schließlich nicht allein.
Wir teilen uns Straßen, Gehwege, Parkplätze und Innenstädte.
Und manchmal sogar dieselbe Geduld.
Natürlich ändern sich die Zeiten.
Das haben sie schon immer.
Die Häuser werden größer.
Die Autos werden breiter.
Die Wohnmobile länger.
Die E-Scooter schneller.
Nur die Gehwege werden irgendwie nicht mit größer.
Vielleicht liegt genau darin das Problem.
Und dann schweifen die Gedanken eben weiter.
Von Schweinfurt nach Berlin.
Von Berlin nach Washington.
Man schaut sich an, was in der Welt passiert, und fragt sich manchmal ernsthaft, ob Vernunft inzwischen eine bedrohte Tierart geworden ist.
Überall wird gestritten.
Jeder weiß alles besser.
Jeder hat sofort eine Meinung.
Aber kaum noch jemand hört dem anderen zu.
Ob in der großen Politik oder auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt – das Prinzip scheint dasselbe zu sein.
Der Lauteste glaubt automatisch, im Recht zu sein.
Ich sehe das anders.
Man darf diskutieren.
Man darf kritisieren.
Man muss sogar kritisieren dürfen.
Eine Demokratie lebt schließlich nicht davon, dass alle derselben Meinung sind.
Sie lebt davon, dass man unterschiedliche Meinungen aushält, ohne den anderen gleich zum Feind zu erklären.
Das scheint mir manchmal verloren zu gehen.
Vielleicht bin ich tatsächlich aus der Zeit gefallen.
Vielleicht gehöre ich inzwischen wirklich zu den Alten.
Na und?
Alt sein bedeutet schließlich nicht, dass man aufhören muss zu denken.
Oder zu beobachten.
Oder den Mund aufzumachen.
Im Gegenteil.
Vielleicht ist genau das, das Privileg des Älterwerdens.
Man muss nicht mehr jedem gefallen.
Man darf sagen, was man denkt.
Mit Humor.
Mit Ironie.
Und manchmal auch mit einem kleinen Kopfschütteln.
Denn eines habe ich in meinem Leben gelernt:
Wenn jeder nur noch fragt: „Was geht dich das an?“, dann interessiert sich irgendwann niemand mehr für den anderen.
Und genau dann wird aus einer Gemeinschaft eine Ansammlung von Einzelkämpfern.
Das wäre schade.
Deshalb laufe ich auch nächsten August wieder durch Schweinfurt.
Ich werde wieder E-Scootern ausweichen.
Ich werde wieder über Wohnmobile stolpern.
Ich werde wieder den Kopf schütteln.
Und vermutlich werden wieder einige sagen:
„Ach herrje … jetzt schimpft die Alte schon wieder.“
Dann lächle ich.
Denn wahrscheinlich haben sie recht.
Aber irgendjemand muss ja schließlich hinschauen.
Auch wir arbeiten mit KI

