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Glosse: Schweinfurt – meine schöne Problemzone

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Es ist schlimm. Wirklich schlimm. Alles, was ich in Schweinfurt sehe, ist… sagen wir mal: entwicklungsfähig. Und nein, bevor wieder jemand mit dem intellektuellen Vorschlaghammer kommt – das liegt nicht daran, dass ich nicht OB werden kann, nicht daran, dass ich grundsätzlich schlecht gelaunt bin und auch nicht daran, dass ich morgens Hafermilch in den Kaffee bekomme, statt normaler Milch. Ich bin Journalistin. Ich gehe mit offenen Augen durch meine Stadt. Ich sehe das Positive. Ehrlich. Ich schwöre. Manchmal sogar ohne Lupe.


Aber: Das Negative hat hier einfach einen sehr… Dominanten Charakter. Es drängelt sich vor, wie ein E-Scooter in der Fußgängerzone. Apropos Fußgängerzone: Ja, wir haben eine! Eine echte! Mit Pflastersteinen, Geschäften – und einer erstaunlich hohen Wahrscheinlichkeit, von Autos, Fahrrädern, E-Scootern, Bussen, Lieferdiensten und wahrscheinlich demnächst auch von SpaceX-Rovern überrollt zu werden. Aber egal: Wir haben wenigstens eine. Das ist Fortschritt. Urbanität. Großstadtflair auf Fränkisch.

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Und überhaupt: Schweinfurt hat sich gemacht. Wirklich. In meiner Jugend wäre niemand – wirklich niemand – auf die Idee gekommen, hier freiwillig auszugehen. Veranstaltungen? Kultur? Nachtleben? Schweinfurt war damals so tot, dass selbst Zombies gesagt hätten: „Nee, hier ist nix los.“ Heute gibt’s Events, Gastronomie, Leben in der Stadt. Das muss man anerkennen. Punkt.

Es gibt Barbershops. Viele. Sehr viele. Es gibt Cafés. Handyläden. Nochmal: Nein, das ist nicht negativ gemeint. Das ist Stadtleben. Puls. Bewegung. Urbaner Herzschlag im 5G-Takt. Man kann hier lecker essen gehen – auch wenn die meisten Restaurants offenbar kollektiv beschlossen haben, dass Mittagessen überbewertet ist und echtes Essen erst abends ab 18 Uhr existiert.

Schweinfurt hat liebenswerte Ecken. Wirklich schöne sogar. Und ich – Dorfkind, Landpflanze, Feldwegromantikerin – liebe diese Stadt. Ich liebe ihre Menschen. Auch wenn mich nur ein Teil davon mag. Aber das ist okay. Wirklich. Geht mir am Arsch vorbei. Heimat ist kein Beliebtheitswettbewerb.

Schweinfurt ist meine Heimatstadt. Mit allen Ecken, Kanten, Macken und urbanen Selbstfindungsphasen. Offen. Bunt. Laut. Manchmal schräg. Manchmal herzlich. Und ja: Man trifft immer weniger Franken – aber vielleicht ist genau das auch Teil der neuen Identität.

Nur eins muss erlaubt sein: Liebe heißt nicht Schönreden. Heimat heißt nicht Schweigen. Man darf sagen, was schlecht ist. Man darf kritisieren. Man darf nerven. Man darf überzeichnen. Man darf satirisch sein. Man darf schimpfen und trotzdem lieben.

Schweinfurt ist wie ein wunderbarer Freund mit schlechten Angewohnheiten: Man mag ihn, man verteidigt ihn – aber man sagt ihm trotzdem, wenn er Mist baut.

Oder anders gesagt: Ich liebe diese Stadt. Aber sie macht es mir manchmal wirklich nicht leicht.

 

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