Würzburg gedenkt der ermordeten Sinti und Roma zur NS-Zeit

„Vom Wort zur Tat ist es nur ein kleiner Schritt“

500.000 Menschen fielen dem „Porajmos“, dem vom NS-Staat systematisch durchgeführten Völkermord an Sinti und Roma, zum Opfer. Weit verbreitete Vorurteile hatten den Boden bereitet für die staatliche Verfolgung der „zigeunerischen Personen“. Schritt für Schritt wurden sie zunächst in ihren Rechten eingeschränkt, vom öffentlichen Leben ausgeschlossen und bereits ab 1938 viele in Konzentrationslager eingeliefert. Im Dezember 1942 ordnete Reichsführer-SS Heinrich Himmler die Deportation aller im Reichsgebiet lebenden Sinti und Roma an, um sie zu vernichten. Noch mehr Opfer forderte der Porajmos in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten.

Unter den Opfern waren auch 30 namentlich bekannte Würzburger Sinti. Nur von vier wissen wir, dass sie überlebten. Anlässlich des heutigen „Internationalen Tages des Gedenkens an den Genozid an den Sinti und Roma“ legte Bürgermeisterin Marion Schäfer-Blake gemeinsam mit Silvana Schneeberger Kränze am Mahnmal am Paradeplatz nieder. „Würzburger gehörten aber nicht nur zu den Opfern. Viele Würzburger wurden damals schuldig: Sie haben ausgegrenzt, denunziert und bei der Verfolgung und Vernichtung weggesehen oder sogar aktiv mitgewirkt“, stellte die Bürgermeisterin bei der Gedenkstunde klar. „An unserer Universitätsklinik wurden nicht nur Zwangssterilisationen und –abtreibungen durchgeführt, sondern im Rahmen der Zwillingsforschung des Dr. Werner Heyde auch Menschenversuche. Beim Gedanken daran, was damals auch in unserer Stadt geschehen ist, empfinden wir Trauer und Scham.“ Sie rief dazu auf, diskriminierenden und menschenverachtenden Äußerungen entschieden zu widersprechen und sich mit Betroffenen solidarisch zu zeigen. „Weil es auf der schiefen Bahn der Unmenschlichkeit vom Wort zur Tat nur ein kleiner Schritt ist.“

Silvana Schneeberger vom Bayerischen Landesverband Deutscher Sinti und Roma betonte das derzeitige Wiederaufleben des Antisemitismus und Antiziganismus in Deutschland. Erst vor wenigen Wochen hätte es in Nürnberg eine für die Gegenwart beispiellose Hetze gegen jüdische Bürger, ausgehend von 250 Rechtsextremen und Reichsbürgern gegeben: „Wir sprechen unsere Solidarität mit den jüdischen Mitbürgern aus.“ Exemplarisch für das gemeinsam erlittene Leid zitierte sie aus dem Leben des Würzburgers Karl Winterstein, Soldat im Ersten und Zweiten Weltkrieg, bis er 1942 aus der Wehrmacht entlassen wurde. Am 15. März 1944 wurde er von der Gestapo abgeholt und am 23. April in Auschwitz ermordet. Am 2. August 1944 wurden weitere 2.897 Menschen in die Gaskammern von Auschwitz überstellt, weil sie der Volksgruppe der Sinti und Roma angehörten. Sie waren alt, krank, Frauen, Kinder. Die arbeitsfähigen Lagerinsassen hingegen waren in den Wochen zuvor zu Zwangsarbeit in andere Konzentrationslager verschleppt worden. „Der 2. August 1944 hat sich tief in unser kollektives Gedächtnis eingegraben“, so Silvana Schneeberger.

BU v.li. Bürgermeisterin Marion Schäfer-Blake und Silvana Schneeberger legten in Erinnerung an den Genozid an den Sinti und Roma Kränze am Gedenkort am Paradeplatz nieder. Foto: Claudia Lother